DER BERG DER EINMAL WAR – Ein Nachruf auf den Steffelberg von Maria Mies

Wenn ich als kleines Kind aus unserem Küchenfenster schaute, sah ich im Westen immer den schönen, runden Steffelberg vor mir. Abends ging die Sonne hinter diesem Berg unter, die Wolken kamen von Westen her, sie brachten uns Regen und Gewitter. „Das ist das Regenloch“, sagten die Leute. Ich stellte mir vor, dass die Welt hinter dem Steffelberg zu Ende sei. Dann käme noch ein Bach, und dann wäre die Welt zu Ende.

Als ich etwas größer war, gingen wir, meine Geschwister und ich oft in den Steffelberg, um dort zu spielen und herum zu stöbern. Am Steffelberg gab es „Katzengold“, wie Gold schimmernde, dünne Blättchen, die wir sammelten. Unten, am Berg floss wirklich ein Bach, das war die Oos. Mit nackten Füßen  gingen wir durch die Oos und meine Brüder suchten nach Forellen., meist ohne Erfolg. Im Frühling wuchsen an diesem Bach immer die ersten Buschwindröschsen. Im Mai suchten wir am Steffelberg die duftenden Maiglöckchen, mit denen wir unsere „Mai-Altärchen“ schmückten. Am Steffelberg gab es auch allerlei wilde Heilkräuter und natürlich auch Heidelbeeren, Himbeeren und Brombeeren. Die sammelten wir auch. Neben dem Weg, der an der Oos vorbei führte, lagen noch riesige Basaltblöcke. Sie waren mit smaragdgrünem Moos bewachsen. Vor Weihnachten suchten meine Brüder dieses Moos, um damit die selbst gebastelte Weihnachtskrippe zu schmücken. Mich beeindruckten vor allem die riesigen, dicken Buchen, die am Berghang  wuchsen. Ich liebte ihre geraden, glatten Stämme, die bis in den Himmel zu wachsen schienen.Die größten und ältesten nannten die Leute „Mutterbuchen“. Als ich etwas größer war, malte ich sie auch. Buchen sind immer noch meine Lieblingsbäume. Nach dem Krieg sammelten wir  Bucheckern unter diesen Bäumen und brachten  sie nach Müllenborn, wo aus ihnen Öl  gepresst wurde.Es gab ja sonst kein Öl in unserer Gegend. Am westlichen Rand des Berges standen  uralte Eichen. Man nannte sie die „Randmänn“.Sie schützten die jüngeren Bäume am Berg vor den Frühlings- und Herbststürmen und verhinderten, das die lockere Vulkanerde weg geschwemmt, wurde. Die Wolken regneten sich am Westrand des Steffelbergs aus und füllten die Quellen und erneuerten das Grundwasser.

Unsere Mutter erzählte uns allerlei Geschichten vom Steffelberg. Da seien die „sieben Kammern“. Da hinein hätten sich die Leute in den Kriegen  geflüchtet. Wir suchten auch nach diesen Höhlen, fanden sie und krochen durch die verzweigten, dunklen Gänge. Ein richtiges Abenteuer. Dort spielten wir „Schinderhannes“ oder „Räuber“. Vater erzählte, dass man früher aus dem Steffelberg -Tuff  Mühlsteine herausgehauen hätte, für die Korn – und Sägemühlen in unserer Gegend. Als man mit der Zerstörung des Steffelbergs begann, fand man tatsächlich am Berg noch verschiedene fertige oder halb fertige Mühlsteine. Manche Leute brachten sie ins Dorf und stellten sie als Dekoration in ihre Vorgärten. Dort stehen sie heute noch. Als Erinnerung an den Berg, der einmal war.

Sie sehnen sich nach dem, was sie zerstört haben!“ schrieb ich später (1)

Auf dem Gipfel des Berges stand das Markuskreuz. Als die Bagger anfingen, die Lava aus dem Steffelberg heraus zu schaufeln, musste das Markuskreuz natürlich „gerettet“ werden. Es wäre ein Sakrileg gewesen, wenn dieses Kreuz auch  zerstört worden worden wäre. Das hätte wahrscheinlich zu einem Aufstand geführt.Das Markuskreuz wurde darum an den unteren östlichen Rand des Berges versetzt.  Später, als die Bagger mit ihrer „Arbeit“ fertig waren und nur noch ein riesiges Loch übrig geblieben war, wurde das Markuskreuz wieder nach oben gebracht und an den Rand dieses Loches aufgestellt. Dort steht es nun als Attraktion für die Touristen.

Der Steffelberg, der Berg meiner Heimat.

Der Steffelberg war der schönste und größte aller Vulkanberge in unserer Gegend.Er lag am Westrande der Vulkaneifel. Man sah ihn von weit her und aus allen Himmelsrichtungen. Wenn wir mit unseren Kühen auf die Weide zogen, sahen wir ihn. Wenn am Abend die Sonne  hinter dem Steffelberg unter ging, wussten wir, dass es Zeit war, mit den Kühen nach Hause zu ziehen. Wenn wir nach Westen, nach Schönfeld gingen, sahen wir ihn im Osten vor uns liegen, wenn wir nach Scheuern, nach Süden gingen, sahen wir ihn auf unserem Rückweg. Der Steffelberg war für uns der Berg, an dem wir uns in der Welt orientieren  konnten.. Am Steffelberg lernten wir die vier Himmelsrichtungen kennen.

Als ich größer wurde und nach Gerolstein zur „Hauptschule“ (2) ging und an den Wochenenden von der Bahn in Oberbettingen zu Fuß nach Hause ging, also von Osten her, sah ich auf der Höhe von „Zommischberg“ unser Dorf Auel mit der schönen Kirche unten im Tal liegen und dahinter, im Westen den  runden  Steffelberg. Dann wusste ich: Jetzt bin ich zu Hause. Jetzt kann mir nichts mehr passieren. Und so geht es mir heute immer noch. Wenn ich von Köln nach Steffeln fahre und meine Schwester mich am Bahnhof in Lissendorf abholt, sehe ich hinter Lehnerath den Steffelberg vor mir. Das heißt, das, was von dem Steffelberg heute noch übrig ist, den unteren Rand des Berges.  Wenn ich dann nach Osten schaue, sehe ich all die Vulkanberge, Berg hinter Berg, Horizont hinter Horizont, eine unendliche Weite, ein unbegrenzter Blick. Ich atme auf. Freiheit! Doch wenn ich dann die Ruine des Steffelberges sehe,dann fühle ich Trauer und Wut: Das ist der Berg, der einmal war. Das Wahrzeichen meiner Heimat. Ich kann denen nicht verzeihen, die meine Heimat zerstört haben.

Der Berg unserer Geschichte und unserer lokalen Kultur

Die Vulkaneifel ist ein uraltes Siedlungsgebiet. Archäologen der Universität Köln , die von 2002 bis 2005 Grabungen in der Nähe des Oosbachs durchführten, sprechen davon, dass die Eifel schon zwischen 600 000 und 3000 000Jahren vor Chr. besiedelt war.(3) In der Nähe von Duppach-Weiermühle gruben sie dieReste einer römischen Villa Rustica, also eines Gutsfofes aus.(3) An diesen Gutshof war eine Nekropole angeschlossen, also ein Gräberfeld. Doch die Nekropole war viel älter als der römische Gutshof. Davon zeugen zahlreiche Steinwerkzeuge wie Faustkeile, Schaber, Feuersteine, die noch aus der Altsteinzeit stammen.

Während des Abbaus des Ruderbüschs bei Oberbettingen – der heute bis heute fortgeführt wird,-fand Peter May  2009 Artefakte aus der Eisenzeit, vor allem Getreidereiben bzw. Reibplatten,unter dem Schutt, den die Bagger übrig gelassen hatten. (4) Diese Getreidereiben sehen genau so aus wie die Reibsteine, die indische Frauen heute noch benutzen um Gewürze wie Knoblauch, Chilli und Ingwer für ihren Curry zu zermahlen. Fürs Essen zu sorgen war damals wie heute Frauensache.

Als die Römer Gallien erobert hatten und weiter nach Osten und Süden vordrangen bauten sie die  Römerstrasse von Köln nach Trier. Diese Römerstrasse ging ganz nah am Steffelberg und am Oosbach vorbei.Die Archäologen aus Köln fanden heraus, dass die Mauern dieses Gutshofes aus Sand-und Vulkan-Tuffstein bestanden, der ganz sicher aus dem Steffelberg .stammte. Auch das römische Castell bei Jünkerath ist aus Steinen des Steffelbergs gebaut. Die Kölner Forscher waren vor allem an einer Säule interessiert, die der Gutsherr – so vermuteten sie –  für seinen im Krieg gefallenen Sohn errichtet haben könnte.

Was mich jedoch mehr als die Spuren der Römer in der Eifel interessiert, -sind  die vielen kleinen sitzenden Frauenfiguren aus Terrakotta, die man in der Nekropole und ihrer Umgebung fand. Manche tragen Früchte in ihrem Schoß, manche tragen ein Kind, von manchen sind nur Bruchstücke vorhanden Jedenfalls sind es viele. Die Forscher bezeichnen sie als Muttergottheiten. Wahrscheinlich handelt es sich um Grabbeigaben für die Verstorbenen.(4)  Diese sitzenden Frauengestalten stammen meines Erachtens eindeutig aus einer Zeit, als unsere Heimat noch nicht von patriarchalen Kriegern, wie den Römern, erobert worden war. Dass es in unserer Vulkaneifel so viele Marienkapellen gibt, zu denen die Leute pilgern, wenn sie um Hilfe bitten, ist sicher kein Zufall. In der ganzen Welt wurden Sakralbauten an Orten errichtet, wo es schon früher Heiligtümer gab. Es sind heilige Orte. Sie strahlen eine bestimmte Energie aus.

Ich will nicht weiter auf die Geschichte des Steffelbergs und der Vulkaneifel eingehen. Die ist bekannt. Aber eins ist sicher.

Der Steffelberg war nicht nur ein Naturdenkmal sondern auch ein historisches Kulturdenkmal.

Viele unserer Sitten und Gebräuche hatten und haben etwas mit dem Steffelberg zu tun. Wie schon erwähnt, stand auf  dem Gipfel des Steffelberges das Markuskreuz. Zu diesem Kreuz pilgerten die Leute im Frühjahr und beteten für eine gute Ernte. Die Markusprozession hat aber nichts mit dem heiligen Markus zu tun. Wie auf der Informationstafel neben dem Kreuz zu lesen ist, gab es solche Prozessionen schon in der Römerzeit. Dann beteten die Leute um den Schutz des Getreides vor dem Getreiderost, der die Ernte vernichten konnte. Diese Markusprozession gibt es immer noch.

Meine Kusine, Maria Agnes, berichtet: „In früheren Zeiten führte der Pilgerweg wie eine Wendeltreppe spiralförmig um den Berg herum und endete auf dem Gipfel am Markuskreuz. Der spiralförmige Weg erinnert an die Getreide-Kreise  und andere spiralförmige Prozessionswege der Kelten, wie sie in England vorkommen. Vielleicht war das Markuskreuz früher ein Menhir, der während der Christianisierung unserer Gegend durch irische Mönche zu einem Kreuz zurecht gehauen wurde. In der Eifel gibt es viele solcher „christianisierten“ Menhire. Einer der bekanntesten ist das Frabillenkreuz auf dem Ferschweiler Plateau bei Bollendorf in der Südeifel.

Der Maibaum wurde meistens am Steffelberg geschlagen. Die Junggesellen schmückten ihn und richteten ihn in der Dorfmitte auf. Am Ende des Winters fand am Osthang des Steffelberges auch das „Burgfest“ statt. Dann machten die jungen Männer ein Rad aus Stroh, zündeten es an und ließen es den Hang hinunter rollen. So wurde der Winter ausgetrieben.

Der Steffelberg, die Grundlage unserer Lokalen Ökonomie

Der Steffelberg war wie alle Eifelvulkane vor allem die Grundlage unserer lokalen Wirtschaft. Wie bekannt, ist vulkanischer Boden sehr fruchtbar. Er enthält fast alle  Mineralien, die die Pflanzen brauchen.Aus dieser Vulkanerde sprießt eine Vielfalt der verschiedensten Kräuter und Nutzpflanzen. Für die ansonsten karge Eifel ist das sehr wichtig.

Vor allem sind die Vulkanberge ganz wichtige Wasserspeicher. An allen Hängen dieser Berge entspringen Quellen, aus denen dann kleine Bäche entstehen die in die kleinen Eifelflüsse wie die  Kyll,die Prüm, die Nims, die Sauer, die Salm und andere in die Mosel münden. Und die Mosel mündet in den Rhein, und der Rhein mündet in Holland in die Nordsee, das heißt in den Atlantik. Das heißt unser Eifelwasser wird schließlich Teil der großen Ozeane, die die Landmasse unserer Mutter Erde tragen und bewässern. Als Kind stellte ich mir diese Reise unseres Wassers sehr plastisch vor. Wenn ich vom Steffelberg weiter nach Osten diesen Bächen Flüssen folgen würde, würde ich schließlich am großen Ozean landen. Das heißt in der großen Welt.

Die Vulkanberge der Eifel sorgen dafür, dass immer genügend gesundes Trinkwasser für Mensch und Vieh vorhanden ist. An den Vulkanbergen regnen sich die Wolken aus und tränken den Boden. Unser Grundwasser wird durch den Regen immer wieder erneuert. Mit diesem Wasser wurden auch die Mühlen und Sägemühlen in den tiefer liegenden Tälern angetrieben. Daher die vielen Mühlsteine. Ich wundere mich immer noch, wie klug unsere Vorfahren das Gefälle der Landschaft ausgenutzt haben, um das Wasser auch zu Dörfern zu leiten, die nicht direkt in einem Tal liegen. Das haben die römischen Ingenieure zu ihrer Zeit auch schon verstanden. Heute frage ich mich, wie die Leute die Bäche so geleitet und durch kleine Wehre so gestaut haben, dass das Wasser quasi auch von unten nach oben fließen kann. Ich lernte von unserm alten Müller, der bis zu seiner Rente unsere Mühle zwischen Steffeln und Auel betrieben hat, dass unser Tiefenbach, dessen Quelle am Steffelberg war, durch Wehre gestaut wurde und dass so der Mühlenteich entstand: die „Klouß“. Das Wasser aus der Klouß trieb das Mühlrad an. „Wenn es viel geregnet hatte, konnten wir sogar ein bisschen Strom erzeugen.“, sagte der Müller. Also, eine kostenlose Energiequelle! Ich frage mich, warum man, bei dem allgemeinen Energiemangel heute dieses Wasser nicht nutzt, um lokale und regionale Energie zu erzeugen. Später wurden im Zusammenhang der Zentralisierung der Wasserversorgung die dorfeigenen Quellen geschlossen. Die Aueler  Wasserquelle gibt es nicht mehr.

Der Steffelberg, wie alle Vulkanberge, lieferte aber auch fast alles Material, das für den Bau von Häusern, Kirchen, Grabsteinen, Wegekreuzen und vielem anderen gebraucht wurde. Noch heute gibt es in Steffeln einige Häuser, die mit dem schwarzen Tuffstein des Steffelbergs gebaut  wurden.

Wenn unsere Vorfahren ein Haus bauen wollten, brauchten sie kein Baumaterial von weit her zu importieren. Sie konnten die jeweils vorhandenen lokalen Resourcen nutzen, um für ihre Familien ein Haus zu bauen, um ein Dach über dem Kopf zu haben. In Steffeln kann man dies noch an ein paar alten Häusern sehen. Nicht nur der Keller ist in den Stein hinein gehauen, sondern auch eine Rückwand oder die Seitenwände sind purer Vulkanstein Das ist der Fall bei der alten Schmiede aus dem 18. Jahrhundert. Diese Bauweise erinnert mich an die Pueblos der Indianer in den USA. Auf dem Stein über der Haustür eines dieser Häuser  steht: „Hier steh ich vest in Gottes Hand. Drum förcht ich weder Fevr noch Brandt“.

Der Steffelberg und alle anderen Vulkanberge waren und sind bewaldet. Sie lieferten das Eichen- und Buchenholz  für den Hausbau. Die tragenden Balken in unserem alten Haus in Auel, das 1775 gebaut wurde, sind aus Eichenholz. Sie sind noch total intakt

Der Wald auf und an dem Steffelberg  war, wie bei allen Eifelvulkanen ursprünglich Allmende, Gemeineigentum. Sie waren kein Privatbesitz und konnten nicht verkauft, sondern nur genutzt werden. Jede Gemeinde hatte und hat z.T.auch heute noch „ihren“ Gemeindewald“. So gibt es den „Aueler Bösch, den „Steffeler Bösch“, den Duppischer Bösch“. Jedes „Haus“,  hat ein Nutzungsrecht an diesen Gemeindewäldern, z.B. um dort Brennholz zu schlagen.

Im Laufe der Zeit wurde aber immer mehr von diesem Gemeinbesitz privatisiert So geschah es auch mit dem Steffelberg. Die Privatisierung geschah zunächst an den den unteren Hängen des Berges. Die Kuppe des Berges blieb aber noch im Besitz der Gemeinde

Doch als die neue Modernisierungspolitik der EU begann, wurde auch immer mehr Gemeindebesitz privatisiert. Unter dem Programm „Unser Dorf soll schöner werden“ wurden viele der alten Häuser abgerissen. Die Leute bekamen Subventionen, wenn sie neue Häuser bauten. Auch der Steffelberg wurde ein Opfer dieser Modernisierungs politik. Zunächst brauchte man Lava hauptsächlich um die neue Autobahn von Köln nach Trier zu bauen. Diese Autobahn ist allerdings bis heute noch nicht fertig. Sie geht nur bis Blankenheim. Doch der Berg als Ganzes blieb erhalten. Er wurde sogar zum Naturdenkmal erklärt und durfte daher nicht zerstört werden.

Die Zerstörung des Steffelberges

Die endgültige Zerstörung des Steffelberges begann jedoch später, als Lavasand nicht nur für den Bau von Autobahnen und Straßen gebraucht wurde, sondern als Rohstoff für viele neue Bauprojekte im In- und Ausland.

Das Landesamt für Geologie und Bergbau (Bergamt) , die Behörde, die  zuständig ist für die Genehmigung für den Abbau von Mineralien, hat jetzt dem neuen regionalen Raumordnungsplan zugestimmt, dass die Abbaufächne von Basalt und Lava in der Vulkaneifel von 400 ha auf wei t mehr als 2000 ha ausgedehnt werden darf. Im Landesentwicklungsprogramm von 2008 (LEP IV) werden die Vorrang-und Vorbehaltsflächen für den Abbau von Lava und Basalt in der Vulkaneifel von Rheinland-Pfalz ausgewiesen.

Gegen diesen neuen Angriff der Lavaindustrie auf die Eifelvulkane wehrt sich seit 2011 die Interessengemeinschaft zum Erhalt der Eifelvulkane  (6)

Im folgenden gebe ich ein Interview wieder, das ich am 21. Februar 2005 mit Hans Pinn geführt habe. Herr Pinn war damals Mitglied des Gemeinderates von Steffeln und ich wollte wissen, wie sich dieser Zerstörungsprozess konkret abgespielt hatte.

Interview mit Hans Pinn vom 21. Februar 2005

Hans, Du bist Bürger von Steffeln, du warst auch lange hier im Gemeinderat. Du weißt Bescheid, unter welchen Umständen der Steffelberg abgebaut worden ist. Dieser große Berg, der Vulkankegel hinter Steffeln. Ich würde heute gerne wissen, wie der ganze Prozess der Zerstörung des Steffelberges vonstatten ging.

In den Jahren 1963/1964 begann der Lavaabbau am Steffelberg. Unter dem damaligen Amtsbürgermeister Otto Friedrich und dem Ortsbürgermeister Willi Weber in Steffeln.

Warum wollte man den Lavasand aus dem Steffelberg so gerne haben? Warum war er so begehrt?

Also die Qualität war mittelmäßig, er ließ sich aber im Straßenbau gut verdichten. Und der damalige Amtsbürgermeister hatte seinen Sitz in Stadtkyll und wollte Stadtkyll sowohl schulmäßig als auch verwaltungsmäßig als Standort behalten. Dadurch wurde die Straße nach Schönfeld neu gebaut und in diesen Jahren war auch die B51 als Ortsumgehung von Stadtkyll, praktisch als Autobahn ausgebaut worden, wenigstens teilweise. Und die Straße nach Kleinlangenfeld wurde auch großzügig ausgebaut. Weil damals Steffeln noch zum Kreis Prüm gehörte, und die Verbindung zur Kreisstadt unter allen Umständen erhalten werden sollte.

Du hast schon gesagt, wer besonders an dem Abbau des Lavasandes interessiert war. Der Amtsbürgermeister Friedrich, der Ortsbürgermeister und auch der Vorgänger dieses Bürgermeisters in Steffeln. Du hast auch gesagt, wofür der Sand gebraucht werden sollte. Welche Firmen waren am Abbau des Lavasandes beteiligt?

Zuerst war es die Firma Grünewald, die den Abbau betrieb. In erster Linie mußte ja ein Vertrag mit der Ortsgemeinde abgeschlossen werden und dann bekam die Firma Grünewald den Zuschlag. Und es wurde auch dann von der Gemeindeverwaltung sehr begrüßt, weil man sich vom Abbau des Steffelberges finanzielle Einnahmen erhoffte. Der Ortsbürgermeister wurde als Bergmeister beschäftigt, was auch von der Verwaltung her sehr zum Vorteil der Gemeinde gereichen sollte.

Wie hoch waren die Summen, die man sich so erwartete?

Ja, es wurden so jährlich 100.000 DM erwartet. Und in den Jahren der Hochkonjunktur wurden Mehreinnahmen aus dem Bruchzins erzielt. Der Gesamterlös des Bruchzinses im Steffelberg betrug 2,4 Millionen DM nach Ende des Abbaus.

Also viel weniger, als man sich erwartet hatte. Hatte man sich auch Arbeitsplätze erwartet?

Ja, es waren zeitweise während des Abbaus sicherlich fünf bis zehn Arbeitsstellen geboten worden. Dies waren überwiegend Beschäftigte aus der Gemeinde aber auch aus Nachbargemeinden, die dort dauernd arbeiteten.

Und welche Erwartungen hatten die Grundstücksbesitzer, die ihr Land um den Steffelberg oder auf dem Steffelberg hatten?

Der Steffelberg als solcher war ja ein großer bewaldeter Buchenkopf und Hauptgrundstückseigentümer war die Gemeinde. Und am Fuße des Steffelberges waren auch Privateigentümer. Diese hatten sich natürlich auch einen Bruchzins aus ihren Grundstücken erhofft.

Also der Hauptwald auf dem Kopf war Gemeindebesitz mit sehr altem Buchenbestand und unten am Rande waren Privatbesitzer. Hatten die sich auch etwas erhofft?

Ja, die hatten das natürlich auch erhofft und haben auch zum Teil Bruchzins bekommen.

Was heißt Bruchzins?

Das ist die Entschädigung für den Abbau von dem Lavasand. Die Vergütung dafür, das nannte man Bruchzins. Es wurde eine Waage montiert, die Lava wurde vor Abfahrt gewogen und dann entsprechend der Tonnen Gewicht bezahlt. Es stellte sich doch nachher heraus, dass, je tiefer sie kamen, die Qualität der Lava immer schlechter wurde und man nur noch nach der Südseite hin tiefer graben konnte, um Qualitätslava, die man noch verwerten konnte, zu erzielen. Und an der Seite nach Norden, also zum Dorf hin, wo Privatgrundstückseigentümer waren, wurde nicht mehr abgebaut, weil dort keine Qualitätslava mehr war.

Gab es damals Widerstände in der Gemeinde oder von außerhalb oder auch Hindernisse, warum das hätte nicht geschehen sollen? Haben die Leute Einwände erhoben?

Direkte Einwände von Seiten der Gemeinde gab es nicht. Lediglich dass der Steffelberg vom Vorgänger des Ortsbürgermeisters Willi Weber – das war damals der Herr Peter Juchems,- unter Naturschutz gestellt worden war.

Warum hat der das gemacht?

Er war anscheinend sehr naturverbunden und legte Wert darauf, dass dieses Naturdenkmal erhalten werden sollte für die Gemeinde. Und da natürlich die finanziellen Argumente für den späteren Gemeinderat im Vordergrund standen, wurde dann durch die Verwaltung die Naturschutzbehörde wieder dermaßen beeinflusst, dass der Steffelberg wieder aus dem Naturschutz herausgenommen wurde.

Kannst du erzählen, wie man das nun  fertig gebracht hat? Wie war das möglich, also politisch? Gab es keinen Widerspruch, zum Beispiel von einer anderen Partei? Welche Parteien waren damals hier an der Macht?

Damals hatten der Verbandsbürgermeister und auch der Ortsbürgermeister sehr gute Verbindungen zur CDU in Mainz und wahrscheinlich konnten sie auch dadurch dann den Naturschutz des Steffelberges wieder aufheben lassen. Was doch in der damaligen Zeit nicht ganz so einfach war, weil auch schon eine gewisse Umweltbeschützung von großen Teilen der Bevölkerung vorhanden war.

Damals, das war in den 60er Jahren, klar. Da war vieles noch so in den Anfängen.  Wie lange wurde eigentlich da Lava abgebaut?

Der Lavaabbau dauerte bis Anfang der 90er Jahre und dann ließ die Qualität keine Verwendung mehr zu. Die Kosten waren höher, als der Erlös.

Ja, aber dann ist ja auch noch alles mögliche am Berg geschehen, also z.B. hatten die Firmen, die damals den Abbau machten, bestimmte Auflagen zu erfüllen und eine Auflage, an die ich mich erinnere, war, dass der Berg wieder rekultiviert werden sollte.  Kannst du darüber noch etwas  etwas sagen? Was da ausprobiert worden ist?

Es war schon bei dem  Vertragsabschluß mit der Firma Grünental am Ende auch eine Rekultivierung vorgesehen. Diese musste dann auch nach Ende des Abbaus durchgezogen werden und diese Auflage musste dann auch  wieder in den Vertrag mit der Abbaufirma Scherer aus Simmern. Übernommen werden

Das war also eine neue Firma?

Ja, die erste Firma wurde zahlungsunfähig und der Nachfolger war die Firma Ernst Scherer aus Simmern. Und die hatten, wie schon gesagt, nach der Südseite ziemlich tief ausgebaggert. Da war eine steile Basaltwand  mit großen Balsaltbrocken und die sollte rekultiviert werden. Vor allem mussten die steilen Wände zumindest teilweise abgesichert werden. Dieses wurde dann in langwierigen Verhandlungen mit der Gemeinde schließlich durchgezogen.

Was für Vorschläge hatte man, um dieses Loch, das da in der Zwischenzeit entstanden war, wieder zu füllen?

Der erste Vorschlag von der Fa. Scherer war, dieses Loch mit Industrieklärschlamm aus dem Frankfurter Raum aufzufüllen. Dieser sollte dann mit Lava wieder vermischt werden und damit wäre dann eine einwandfreie Auffüllung möglich gewesen. So die Firma Scherer. Dazu konnte sich der Gemeinderat aber nicht entscheiden, weil eine Grundwasserverunreinigung befürchtet wurde.

Hat man eigene Untersuchungen gemacht von der Gemeinde aus?

Von der Gemeinde aus wurde keine Untersuchung gemacht, aber von der Fa. Scherer wurden Unterlagen vorgezeigt, die auf einer wissenschaftlichen Untersuchung des Klärschlamms beruhten. Diese Untersuchung wies nach, dass durch den Klärschlamm keine Gefährdung entstehen würde.

Und dem hat der Gemeinderat nicht geglaubt?

Ja, der Gemeinderat war skeptisch, da die Quelle für das Trinkwasser im weiteren Umkreis des Steffelbergs war und daher hatte man doch ein gewisses Misstrauen gegenüber diesem Klärschlamm.

Und die zweite Lösung war, soweit ich mich erinnere, dass man eine Kompostierungsanlage dort  hin setzen wollte, wo organischer Müll aus der ganzen Gegend entsorgt werden sollte.

Ja, damals suchte der Landkreis Daun krampfhaft eine Ablagerungstelle für den Biomüll und dann hat die Kreisverwaltung in Daun auch auch mit der Gemeindeverwaltung geredet, ob sie nicht bereit seien, den Biomüll im Steffelberg abzulagern. Es würden keine Unkosten und keine Rückstände entstehen, da der Biomüll zu Kompost werden würde, der reißenden Absatz fände. Auch hier konnte der Gemeinderat sich nicht entschließen, da man ja schon befürchtete, dass sich in dem Biomüll auch jede Menge Kunststoffe und auch andere Artikel befänden, für die man dann doch wieder keinen Absatz finden würde. Aus diesem Grunde wurde dem Wunsch des Kreises Daun nach einer Ablagerung für Biomüll nicht entsprochen.

Und außerdem erinnere ich mich, dass die Erwartungen, dass dort Arbeitspläzte entstehen würden sehr schnell enttäuscht wurden. Außerdem sollte sich die Gemeinde bei diesem Kompostierungsprojekt verpflichten, die Zufahrt zu dieser Kompostierungsanlage dauernd instand  zu halten. Was für Gemeinde mehr Kosten verursacht hätte.

Was die Arbeitsplätze betraf, stellte man der Gemeinde zwei Arbeitsplätze in Aussicht, wenn die Kompostierungsanlage zum Tragen käme.  Aber die Sache mit der Zufahrt war nicht eindeutig geregelt und es wäre dann auch eine dauernde Durchfahrt durch den Ort notwendig gewesen, und der Gemeinderat konnte sich damals nicht für die Kompostierungsanlage im Steffelberg entscheiden. Sie hätte mehr Nachteile als Vorteile gehabt es und wäre eine Belästigung für die Bevölkerung gewesen.

Nun noch einmal zurück zum Begriff der Rekultivierung. Das bedeutet ja, dass der Berg so wie er vorher war, wieder hergestellt wird. Was hat man denn da versucht? Es war ja ein wunderschöner, großer Buchenbestand da.

Also, im Rekultivierungsvertrag war festgeschrieben, dass der Steffelberg wieder in der Weise rekultiviert werden müsste, dass eine forstliche Nutzung möglich wäre. Da jetzt aber die steilen Wände da waren und auch die großen Felsbrocken, von zehn Kubikmetern und noch größer, die an den Böschungen lagen, wäre die Rekultivierung nur mit immensem finanziellen Aufwand möglich gewesen. So einigte man sich darauf, dass die Steilwände abgesichert wurden und ein Gehweg um das Ganze planiert wurde, damit das Gelände von Fußgängern und Spaziergängern genutzt werden könnte. Und soweit wie möglich und kostenmäßig vertretbar wurde, wurde dann die Fläche oben, die nach der Entwaldung  und dem Abbau übrig geblieben war, wieder flach geraupt, damit eine Aufforstung möglich wäre.

Hat man auch aufgeforstet?

Man hat schon vor Ende des Abbaus eine größere Fläche mit Eichen aufgeforstet.

Sind die auch gewachsen?

Es kam dann unglücklicherweise ein trockener Sommer, aber die Pflanzen wurden dann in diesem Sommer öfters von der Feuerwehr nass gehalten, so dass genügend Pflanzen angewachsen sind. Und da die Traubeneichen nicht so empfindlich ist, konnte dort ein ganz schöner Bestand heran gezüchtet werden.

Was ist dann noch weiter passiert, nach der „Rekultivierung“? Denn jetzt heißt der ehemalige  Steffelberg ja ‚Vulkangarten‘.

Auf Anraten des Vorsitzenden des Naturparks, Herrn Ernst Görgen aus Feuerscheid, wurde dann ein Wanderweg im Steffelberg angelegt. Dies wurde von der Gemeinde finanziell bezuschusst und auch mit Mitteln des Naturparks. Dann kam auch die Idee auf, einen ‚Vulkangarten‘ dort anzulgegen. Weil an der Wand die einzelnen Schichten des Lavaabbaus schön sichtbar waren. Und hier hat sich der Eifelverein sehr engagiert und hat auch viel investiert. Im Sommer macht er wöchentliche Führungen im Vulkangarten. Das wird vom Fremdenverkehr sehr gut angenommen.

Aber ich habe gesehen, dass die verschiedenen geologischen Schichten nicht mehr an den natürlichen Bruchstellen sichtbar sind, wo sie nach dem dem Abbau sichtbar waren, sondern man hat einen künstlichen Schnitt an dem Wanderweg, so daß die  Leute jetzt  verschiedenendie geologischen Schichten sehen können. Also ich fand es besser, als man die Schichten sehen konnte, so wie die Firma Scherer die Vulkanruine nach dem Abbau der Lava hat liegen lassen.

Wie ging es weiter mit der Zerstörung des des Steffelberges. Was hatte sie für Folgen in Bezug auf Klima, Ökologie, Wirtschaft und auch für das Soziale in der Gemeinde? Oder auch für die Kultur, die auch mit dem Steffelberg zusammenhing?

PAUSE

Früher war man ja der Meinung, dass der Steffelberg die Gewitter abhalten würde. Und jetzt, wo er nicht mehr da ist, können die Wolken natürlich ohne Widerstand wieder übers Dorf ziehen.

Wirtschaftliche Folgen?

Der Wald als Bewirtschaftungsfläche ist ja dadurch verkleinert worden.

Kann überhaupt noch etwas bewirtschaftet werden?

Ja, teilweise ist er ja aufgeforstet worden und dann ist er ja jetzt auch durch den Vulkangarten – hauptsächlich für das Erholungsgebiet Obere Kyll -für die Touristen eine kleine Sehenswürdigkeit geworden.

Also das funktioniert ganz gut meinst du? Der Vulkangarten am Steffelberg wird von den Touristen gut angenommen?

Ja, da die Angebote hier in der Gegend doch sehr knapp sind, freut man sich auf die Touristenstationen, wo man den Leuten hier irgendetwas anbieten kann.

Und hier im Dorf? Wer hat etwas finanziell davon?

Die Gaststätten und der kleine Laden.

Auch andere Leute, die Touristen aufnehmen? Kann man insgesamt sagen, dass die Leute hier vom Tourismus profitieren?

Ja, das kann man vielleicht in kleinem Rahmen sagen.

Und kulturell?

Ja, es gibt ja viele Sehenswürdigkeiten. Die richtigen früheren Sehenswürdigkeiten des Steffelberg wie die Sieben Kammern, die wurden natürlich durch den Lavaabbau vernichtet. Davon ist natürlich nichts mehr zu sehen. Da ist jetzt nur noch die Anlage des Vulkangartens, der eine Sehenswürdigkeit darstellt. Der richtige, große Berg, der ist natürlich verloren gegangen, was auch von vielen Naturliebhabern sehr bedauert wird, aus der nahen und weiten Umgebung und auch von vielen Ortsbürgern. So ein großer und schöner Berg war das damals.

Ja, der schönste in der ganzen Umgebung. Und er war sehr, sehr weit sichtbar

Das Naturdenkmal ist natürlich verloren gegangen.

Ich komme ja aus Auel und Auel ist nach Steffeln eingemeindet worden. Was haben die Aueler zum Abbau des Steffelberges gesagt?

Ja, die Aueler die wurden natürlich eingemeindet und auch an dem Bruchzins beteiligt. Das war ja dann eine Gemeinde und jeder erhoffte sich, dass dann aus dem Bruchzins ein gewisser Wohlstand über den Ort hereinbrechen sollte.

Und hat das stattgefunden?

Ja, es wurden viele Maßnahmen vom Geld des Steffelberges durchgeführt, wie z.B. viele Wirtschaftswege in der Feldmark wurden geteert. Überdurchschnittlich viele sogar, weil einfach das Geld vorhanden war. Und es wurden dann auch alte Häuser hier im Dorf, die nicht mehr bewohnt waren, aufgekauft, weil das Geld da war. Also kaufte man die Häuser auf und riss sie dann ab.

Das gehört mit zum Programm Dorfverschönerung.

Ja, das wurde hauptsächlich von der Gemeindeverwaltung  forciert und auch finanziert.

Und was ist noch mal mit dem neuen Gemeindehaus hier in Steffeln. Wurde das nicht auch vom Geld des Steffelbergs gebaut?

Also, als das Gemeindehaus gebaut wurde, war der Abbaubetrieb schon am auslaufen. Es gab zwar immer noch Bruchzins, aber die Kosten des Gemeindehauses waren so hoch, dass da schon Kreditfinanzierung erforderlich war. Heute ist natürlich auch, wie in den meisten Gemeinden, eine große Verschuldung auch in Steffeln vorhanden.

Also trotz der Zerstörung des Steffelbergs ist die Gemeinde Steffeln verschuldet? Das heißt, dieser ganze Berg hat diese Verschuldung nicht einmal verhindert oder aufgehoben?

Nein, aber zur Zeit, als der Abbau noch richtig lief und die finanziellen Mittel vom Wald noch da waren, war Steffeln ja immer schuldenfrei und hatte auch ziemlich viele Geldreserven. Nach dem Abbau warf der Wald nicht mehr viel ab. Die Ausgaben wurden immer höher, so dass auch der Bruchzins dieses nicht mehr ausgleichen konnte.

Zu dem Gemeindehaus habe ich auch noch eine Frage. Ich erinnere mich, dass ich schon vor einigen Jahren hörte, dass das Gemeindehaus immer noch verschuldet ist. Ist das jetzt erledigt oder ist es immer noch verschuldet?

Da wird schon eine gewisse Abzahlung noch weiterlaufen. Grundsätzlich muss die Gemeinde ja die Unkosten vom Gemeindehaus jedes Jahr tragen. Im Frühjahr sind natürlich die Unkosten so hoch, zumal jetzt die Heizölkosten und alle Nebenkosten ja gestiegen sind, so dass eine Deckung der Ausgaben durch Einnahmen nicht mehr möglich ist. In Auel ist ein Gemeindehaus und in Steffeln ist ein Gemeindehaus. Beide müssen unterhalten werden. mit Strom etc.

Und die Einkünfte sind sehr gering?

Ja, die Einkünfte sind wesentlich geringer. Natürlich ist es eine schöne Sache für die Vereine im Ort. Und diese können die Räume auch gebührenfrei benutzen, lediglich müssen sie sich an den Reinigungskosten beteiligen.

Aber so für Touristenveranstaltugnen wird das Gemeindehaus nicht benutzt?

Es wird vermietet, aber es wird nicht so sehr in Anspruch genommen, weil hier in Steffeln auch zwei sehr gute Gaststätten sind. Auel hat ja sein eigenes Gemeindehaus und die kommen dadurch auch nicht nach Steffeln, höchstens sehr selten.

Also wirtschafltlich kann man dann sagen, dass der Abbau des Steffelberges jedenfalls diese Situatin nicht wesentlich verbessert hat.

Nein, jetzt im Nachhinein ist das natürlich keine finanzielle Bereicherung mehr. Das war es nur zur Zeit des Abbaus und danach sind die Einnahmen ausgeklungen und weitere Vorteile hat die Gemeinde nicht mehr.

Hat die Gemeinde jetzt Unkosten mit der Erhaltung des Vulkangartens? Oder wer macht das? Mir ist noch nicht so ganz klar, wie das mit dem Bruchzins funktioniert.  Kannst du das noch mal erklären?

Die Gemeinde hatte den Abbau des Steffelbaus, also den Lavaabbau an die Firmen verpachtet. Zuerst an die Firma Grünewald und dann an die Firma Scherer. Und hier wurde ein gewisser Betrag als Bruchzins vereinbart. Die abgebaute Lava wurde gewogen und dann auch entsprechend bezahlt. Pro Tonne. Dieser Bruchzins war auch als Preis in diesem Vertrag verklauselt, so dass mit den allgemeinen Kosten des Preisindexes auch eine Angleichung des Bruchzinses erfolgen sollte. Der Bruchzins wurden dann dem Grundstückseigentümer ausgezahlt.

Das hieße, an die Gemeinde Steffeln.

Da die Gemeinde den größten Anteil des Grundstückes hatte, bekam die Gemeinde den größten Anteil. Wenn Lava von Privatgrundstücken abgebaut wurde, bekam der Grundstückseigentümer auch den Bruchzins ausgezahlt.

Das war also das Einkommen aus dem Steffelberg.

Ja, das wurde aber, wie auch schon erwähnt, nicht in größerem Rahmen durchgezogen, weil die Qualität der Lava, als man tiefer schürfte, nicht mehr dem gewünschten Standard entsprach.

Zum Schluss war der Lavaabbau also gar nicht mehr rentabel. Weder für die Firmen und auch nicht für die Gemeinde Steffeln.

Ja, als die Qualität dermaßen schlecht war, dass die Lava nicht mehr für den Straßenbau verwendet werden konnte, war ein Abbau ja finanziell nicht mehr rentabel.

Das heißt also für eine relativ beschränkte Nutzung hat man den ganzen Berg zerstört.

Man hatte sich erhofft, dass man den ganzen Kegel lavamäßig finanziell verkaufen könnte, aber das war nicht der Fall. Das Material für den Straßenbau, um es richtig standfest einbauen zu können, verlangt es eine gewisse Wasserdurchlässigkeit. Diese war dann nicht mehr vorhanden.

Hat man denn vorher nicht geprüft, wie tief die Lava liegt?

Ja, man hat es geprüft und befunden, dass ein Abbau sich lohnen würde. Aber wann genau die Abbaugrenzen erreicht werden, das konnte damals nicht vorausgesagt werden.

Das heißt also, die Gemeinde hat die Zustimmung auch selbst gegeben, eine Art Blankocheck sozusagen. Na ja, der Berg ist weg. Jetzt so im Nachhinein, wie schätzt du und wie schätzen die Leute hier das ein, dass dieser Berg nun weg ist?

Ja, also man bedauert es zwar, dass er weg ist, das ist klar, aber er ist nicht mehr wieder zurück zu bringen. Es wird auch immer wieder noch von den Einwohnern gesagt, Steffeln habe zwar finanzielle Einnahmen gehabt, aber je weiter diese Sachen in die Vergangenheit rücken, umso mehr bedauert man dann, dass das Naturdenkmal Steffelberg nicht mehr vorhanden ist. Und immer wieder hört man dann auch: nur wegen dem Geld, nur wegen dem Geld wurde der Berg abgebaut.

Ja, das ist es.

Als ich 2011 noch einmal mit Hans über die Zerstörung des Steffelberges redete, fragte ich ihn, was er denn von der jetzigen Zerstörung der Vulkanberge in unserer Heimat halte, dann sagte er:

Wenn die Lava weg ist,sind auch die Berge  weg

BERGE WACHSEN NICHT NACH

……

Die Zerstörung des Steffelberges ist kein Einzelfall

Was mit dem Steffelberg geschah geschieht heute überall, vor allem in unserer Heimat, der Vulkaneifel. Darum ist die Geschichte des Steffelberges ein Musterbeispiel für das, was die Gier nach Geld und Profit überall auf unserer Mutter Erde anrichtet. In Steffeln und Auel gab es damals keinen Widerstand. Heute beginnt sich auch in der Vulkaneifel Widerstand zu regen. Allerdings  kämpfen die Leute und die Umweltverbände hauptsächlich für den Erhalt der Naturlandschaft. Ich bin jedoch der Meinung, dass alle Aspekte, die ich oben genannt habe untersucht werden müssen, ehe eine Genehmigung für den Abbau der Vulkanberge gegeben werden darf.  Was sind die Folgen dieser Zerstörung  für die Identität der Menschen, ihre Kultur, für die Zukunft, für den sozialen Zusammenhalt?

Wenn meine Freundin Claudia von Werlhof mich in Steffeln besucht, steigen wir meist auf den Berg, der einmal war, hinauf und setzen uns auf die Bank am Markuskreuz. Wir schauen dann in das Steffeler Loch, wie ich es nenne und auf den winzigen künstlichen Lavakegel, den man am Fuße dieses von Menschen gemachten Kraters aufgeschüttet hat, damit Kinder da hinauf klettern und so erfahren sollen was ein Vulkanberg ist. Beide denken wir dann an das, was Lucius Buckhardt in seinem Faltblatt für die Fahrt nach Tahiti geschrieben hat:

 „Nur wo der Mensch die Natur zerstört hat, wird die Landschaft schön …Tahiti wurde nicht deshalb friedlich, weil der Löwe mit dem Schaf zusammen graste, sondern weil es in Wirklichkeit ein Schlachtfeld war.“

Claudia hat dem vor Jahren hinzugefügt:„ Die Natur gilt erst als schön, wenn sie zerstört worden ist. Denn nur dann kann sie vermarktet werden, nur dann bringt sie Profit.“ (7)

Der intakte Steffelberg war nutzlos für die Kapitalisten. Doch „Sie sehnen sich nach dem, was sie zerstört heben“ schrieb ich seinerzeit(8)

Die Tourismusindustrie lebt von dieser Sehnsucht. Die Tourismusindustrie ist heute in der Vulkaneifel der größte Wirtschaftszweig. Touristen sollen aber nicht durch die Brutalität der Zerstörung dieses wunderbaren Berges verschreckt werden. Darum musste das Loch wieder „schön“ gemacht werden. „Rekultivierung“ nennt man das. Die Hänge des künstlichen Kraters wurden planiert und geglättet, man soll sie möglichst nicht betreten  Die „Verschönerung“ beginnt mit der Sprache: Das Steffeler Loch heißt nun „Vulkan-Garten“. Viele Touristen kommen, um diesen „Vulkangarten“ zu sehen.

Wenn ich von oben in dieses Steffeler Loch blicke und daran denke, was dieser Berg einmal war, dann kommen mir die Tränen.

Prof. Dr. Maria Mies, Köln den 18. November 2012.

copyright by Maria Mies

Literatur und Anmerkungen

1. Maria Mies, in: Maria Mies und Vandana Shiva (1995) Ökofeminismus, Rotpunktverlag, Zürich

2. Die Nazis hatten sogenannte Hauptschulen auf dem Land eingerichtet, um begabten Kinder eine Chance zu einer besseren Bildung zu geben. Man war nur vom 6. bis zum 8. Schuljahr auf dieser Hauptschule. Bei uns war sie in Gerolstein.

  1. Peter Henrich: Die römische Nekropole und die Villenanlage von Duppach-Weiermühle, Vulkaneifel. Rheinisches Landesmuseum Trier, Trierer Zeitschrift, Beiheft 33
  2.  Peter May: Fundbericht:  (2009) Der vorgeschichtliche Werkplatz für Getreidereiben am Vulkan „Ruderbüsch“ bei Oberbettingen (Kr.Daun) ein durch Basaltabbau akut gefährdetes Geländedenkmal.
  3. Peter Henrich : Muttergottheiten  a.a.O S.99 -103; Tafeln 6 -14
  4.  2011 wurde in Daun die Interessengemeinschaft zum Erhalt der Eifelvulkane“ gegründet.

Ihr Ziel ist die Verhinderung des weiteren Abbaus von Lava in der Vulkaneifel. Seit 2010 hat diese Initiative eine große Öffentlichkeit in der Vulkaneifel und weit darüber hinaus erreicht. Sie ist zu einem politischen Faktor geworden. Weitere Informationen sind bei  ak-eifelvulkane@yahoogroup.de  zu erfragen.

  1. Mies 1995 a a.O
  2. Mies 1995 a.a.O.
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